Indien: Das Eldorado für Medikamentenstudien

Als ich am Wochenende kurzzeitig wegen den Nebenwirkungen einer Gelbfieberimpfung außer Gefecht gesetzt wurde, fing ich in diesem Zusammenhang an ein wenig über Pharmaunternehmen zu recherchieren.

Zuerst viel mir auf, dass alle großen Namen der Branche, Bayer, Pfizer, Sanofi usw. alle samt den Menüpunkt „Engagement & Verantwortung“ auf ihrer Homepage haben. Bei meiner weiteren Recherche stoß ich jedoch auf ein gemeinsames Engagement der Konzerne, welches wenig mit Verantwortung zu tun hat. Es handelt sich dabei um die Durchführung von Medikamentenstudien in Indien.

2005 erließ die indische Regierung auf Druck der Pharmalobby ein Gesetz zur Durchführung von Medikamentenstudien. Dadurch war es den Pharmakonzernen erstmalig möglich, Medikamente in Indien zu testen, welche im Ausland noch keine Zulassung erhalten hatten. So lagen 2005 die Investitionen für Medikamentenstudien in Indien noch bei weniger als hundert Millionen Euro, 2011 jedoch schon bei knapp einer halben Milliarde Euro.

Doch warum genau Indien? 

Mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern, den vielen Kranken, den niedrigen Arbeitskosten und bestechlichen Ärzten bietet das Land ein „passendes“ Arbeitsumfeld für die Pharmakonzerne. Im Westen gibt es strengere Regulierungen, aufwendigere Sicherheits- und Kompensationsvorschriften. Bei den niedrigeren Bevölkerungszahlen ist es zunehmend schwieriger Versuchspersonen zu finden. Die Konzerne sparen dabei bis zu sechzig Prozent der Entwicklungskosten, was eine Menge ausmacht, zumal die Kosten für ein Medikament vom ersten Versuch bis zur Apotheke oft mehrere hundert Millionen Euro betragen.

Derzeit finden in Indien knapp 1900 Studien an 150.000 Probanden statt. Auffallend ist, dass die Studien oft an aus armen Verhältnissen stammenden Bürgern durchgeführt werden, welche oft unwissend den Studien zustimmen. Besonders schockierend ist das sich die Pharmakonzerne unter anderem das BMHRC Krankenhaus (Bhopal Memorial Hospital & Research Centre) für ihre Studien ausgesucht haben. Ein Krankenhaus das ursprünglich zur Behandlung von Opfern der Industriekatastrophe von Bhopal errichtet wurde und dessen Patienten nun oft für Medikamentenstudien missbraucht werden.

Allein in der Zeit zwischen 2007 und 2010 sind laut dem indischen Gesundheitsministeriums insgesamt 1722 Inder infolge einer Teilnahme an einer Medikamentenstudie ums Leben gekommen. Das Gegenargument der Pharmakonzerne ist, dass viele Probanden aufgrund ihrer Vorerkrankungen sowieso gestorben wären. Unglaublich oder?

Ich denke jede Branche hat seine Schattenseiten. Die eine mehr, die andere weniger. Was denkt ihr darüber? Seid ihr über andere Skandale aus anderen Branchen gestolpert? Lasst es mich wissen….

Quelle: Artikel „Arme Schlucker“ von Felix Hutt, erschienen Neon, Ausgabe 03/12

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9 Kommentare zu “Indien: Das Eldorado für Medikamentenstudien

  1. Hallo Max,

    natürlich ist es erschreckend, dass gerade in dem Land und in den Regionen, wo die Gesetze lückenhaft sind und die Aufklärung gering ist, die Leute für Pharma-Tests ausgenutzt werden. Ich finde, dass es die Pflicht der Konzerne ist, die Menschen darüber aufzuklären, dass die Studien gefährlich bis lebensbedrohlich sind.

    Auf der anderen Seite stellt sich die Frage: Was würde das ändern? Werden Menschen die in größter Armut leben, davon abgeschreckt, wenn man Ihnen sagt, dass die Studien Geld bringen, weil sie gefährlich sind? Ich denke nicht. Habt ihr den Film „Slumdog Millionaire“ gesehen? Riskieren nicht gerade die Ärmsten jeden Tag ihr Leben um irgendwie an Geld zukommen??
    Sollte man die armen Menschen deshalb gänzlich von den Studien ausschließen, weil sie das Risiko nicht einschätzen können?

    Hinzu kommt, dass Tests und Studien für die Medizin unabdingbar sind. Wo wären wir heute wenn nicht Penicillin und ähnliches erprobt worden wäre… ?
    Bei MS-Patienten beispielsweise, werden häufig neue Medikamente getestet, weil es ihnen ohne diese Tests nicht besser geht!

  2. Hallo Franzi,

    du hast Recht wahrscheinlich würde es nicht viel ändern. Ich sehe jedoch die Verantwortung bei den Pharmaunternehmen. Unwissenden, armen Leuten zusätzlichen Gefahren auszusetzen finde ich gewissenslos.

    Sicherlich sind die Test notwendig. Dann aber bitte nach vorheriger Aufklärung und unter Zusicherung einer ausreichenden Kompensation für die Betroffenen.

    Liebe Grüße

    Max

  3. Hey Max,

    ein spannendes Thema hast du da aufgefasst – interessanterweise ist diese Thema jetzt schon zum 4. mal in der vergangenen Woche in Gesprächen mit Freunden „aufgekommen“. Aber was tun?

    Ich glaube mit dem einfachen Appellieren an das Bewusstsein für Gesellschaftliche Verantwortung der entsprechenden Konzerne ist es leider nicht getan. Selbst wenn der Konzern sich dorthin bewegen möchte: Ist es denn möglich? Das Problem ist der Wettbewerb, denn wenn als Beispiel Bayer jetzt aufhören würde Menschen für Ihrere Geschäfte auszubeuten, heißt das noch lange nicht, dass auch der Wettbewerb mit zieht….insbesondere, wenn dieser im nicht-europäischen Bereich ansässig ist. Die Ausbeutung findet also gewissermaßen durch Wettbewerbsdruck statt. Ob sich da eine Regulierung finden lässt halte ich momentan für zweifelhaft. Hier muss sich viel politisch tun, auf globaler Ebene, um einheitliche Regulierungen zu erzwingen. Wie schwer die Durchführbarkeit solcher internationalen Regulierungen in einem korrupten Land wie Indien ist, kann sich jeder denken.

    Was würde passieren, wenn die Konzerne selber politischen Druck ausüben? Lässt sich damit was bewegen? Auf der anderen Seite müssen sie dafür aber auch erst mal eigenes Fehlverhalten offen legen…

    Tja, was ist die Lösung?

  4. Hallo Jan,

    völlig richtig, ein einfaches Appellieren wird nichts helfen. Wettbewerb zerfrisst bekanntlich jede Moral. Ich sehe bei dieser Sache wie so oft die Politik in der Verantwortung, da die Politik noch als einzige Instanz in der Lage wäre durchschlagende Regelungen zu erzwingen. Das Fehlverhalten müssten die Konzerne nicht einmal offenlegen, da dies ohnehin durch Artikel wie dem in der Neon geschieht.

    Viele Grüße

    Max

  5. Lieber Max, lieber Jan,

    aber unabhängig vom Konkurrenzkampf und der Aufklärung, ist es den besser Medikamente an einem aufgeklärten armen Menschen zu testen als an einem unwissenden?? Ist das nicht genauso schlimm?

  6. Hallo an alle,
    sehr interessantes Thema Max und auch der Artikel! Leider muss ich euch allen absolut zustimmen, es wird kaum eine Lösung für dieses komplizierte Problem geben.

    Mit Sicherheit liegt hier viel in der moralischen Verantwortung, welche die Pharma-Konzerne tragen, allerdings kann Wirtschaft sehr hart sein, und der Konkurrenzdruck ist in dieser Branche unglaublich. Ich bin absolut gegen diese Tests und finde es furchtbar, in wie vielen Ländern es leider trotzdem stattfindet, besonders in den Entwicklungsländern. Afrika wird auch immer wieder, bei medizinischen Studien ganz oben benannt. Das eigentliche Problem ist einfach, dass diese Leute so arm sind, dass sie sonst höchstwahrscheinlich kaum medizinische Versorgung kriegen würden, bzw. es aus Geld-Not machen müssen um zu überleben. Ein spitze Filme ist „Der Ewige Gärtner“, welcher sich genau mit diesem Thema auseinander setzt. Ich sehe dabei nicht unbedingt das Problem der unaufgeklärten Bevölkerung, sondern vielmehr auch die Kooperation von Hilfsorganisationen und Pharma-Konzernen, bzw. das Pharma-Konzerne NUR helfen um ihr Studien machen zu können. Mit einem Appell an die Vernunft und Moral kommt man da sicher nicht weit, auch politische Einschränkungen in einem korrupten Land sind nur schwierig durchzusetzen.

    Eine Lösung weiß ich auch nicht. Aber ich finde dieses Thema sollte viel mehr öffentlich diskutiert werden, denn das nichts Tun ist definitiv der falsche Weg. Die gesamte Branche müsste sich ändern, sowie gesamt politische Regelungen, die Länderübergreifend festgelegt werden müssten. Bis das passiert ist es auf alle Fälle ein langer Weg, aber ich denke unsere Gesellschaft kann nicht mehr lange leben auf Kosten von Armut der Anderen, dies wird sich definitiv ändern in den nächsten Jahrzehnten.

    Wie ihr euch vielleicht auch denken könnt, auch der Film den ich genannt habe, hat kein Happy End!

    Liebe Grüße,
    Sophie

  7. A very interesting topic Max. This leads to many discussions, but in the end there still is no solution in sight. How should this be regulated and controlled? Through laws? The government? Or is everybody responsible for themselves and what they want to do or have done with their bodies to what price?

    I think that a combination of both is a direction in the right way, but when people are that poor that they barely can live in human conditions, then what does health matter anyway? I think that the problem has to be addressed in other areas, that is to say the problem of poverty in such countries.

    • Bahar, you are saying it. It´s poverty that forces people to take such risks. Let´s hope that the diminishing poverty in developing countries comes along with a decrease of that merciless practices of big pharmaceutical companies.

      Max

  8. Die Verantwortung liegt bei uns allen! Ich finde es passt sehr zu dem Beispiel von Herrn Ripsas! Schupst man den dicken man auf die Schienen um den anderen das Leben zu retten?

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