Lernen wir aus Fehlern?

Vor ein paar Wochen kam in der Vorlesung von Herrn Pieper die Frage auf, ob wir aus den Fehlern anderer lernen. Die Diskussion drehte sich dabei zum einen um das horizontale Lernen, von Freunden beispielsweise und zum anderen um das vertikale Lernen – aus der Vergangenheit. Immer wieder habe ich darüber nachgedacht und mir ein und dieselbe Frage gestellt: Lernen wir überhaupt aus Fehlern?

Wenn wir aus dem Themenfeld eines mitgenommen haben, dann ist es die Tatsache, dass Entrepreneurship und Fehler machen zusammen gehören wie Pech und Schwefel. Jeder Gast berichtete uns in seinem Vortrag über die Unzahl an Fehlern, die er oder sie auf seinem Weg zum Erfolg begangen hat. Und jeder beteuerte, dass er die Fehler brauchte um daraus zu lernen.

Aber sind es nicht immer die gleichen Fehler, die schon andere vor ihnen gemacht haben, oder sogar sie selbst? Lernen wir also tatsächlich aus unseren Fehlern oder gar denen der anderer?

Gestern, beim Aufräumen, fiel mir die GEO aus dem März in die Hände, deren Titel lautet „Aus Fehlern lernen – vom Wert falscher Entscheidungen“.
Der Artikel von Jürgen Schäfer lieferte mir 5 interessante Gründe warum wir überhaupt Fehler machen:

1. Überschätzung

Selbstüberschätzung ist eines der größten Laster des Menschen und es führt dazu, dass wir uns Fehler nicht eingestehen und aus ihnen lernen.
So ergab eine Studie, dass knapp 94 Prozent aller befragten Professoren, ihre Forschung für überdurchschnittlich hielten, was paradoxerweise fast 100% über dem Durchschnitt bedeuten würde.

2. Der Bestätigungsfehler

Menschen machen Fehler weil sie gegenteilige Fakten nicht akzeptieren.
Neuroforscher haben nachgewiesen, dass der Mensch Informationen unterschiedlich verarbeitet, je nachdem ob sie in sein Weltbild passen oder nicht. Haben wir z.B. ein Problem verstanden und wir erhalten Informationen die zu unserer Lösung passen, werden sie im Gedächtnis „gespeichert“. Passen sie jedoch nicht, landen sie in unserem präfrontalen Kortex und werden schlicht weg ignoriert. Dieser Bestätigungsfehler führt dazu, dass der Mensch stets auf der Suche nach Zustimmung ist. Forscher beispielsweise gehen häufig auf Fragestellungen ein, deren Ausgang sie zu glauben wissen. Sie wählen die Testobjekte entsprechend ihres gewünschten Ergebnisses aus und geben anderen abweichenden Ergebnisse gar nicht erst die Chance einzutreten. Oftmals sind es auch Prämien oder Forschungsgelder, die den Menschen davon abbringen, neue aber weniger lukrative Erkenntnisse zusammeln.

3. Rückschaufehler

Aus dem Bestätigungsfehler ergibt sich der Rückschaufehler. Da der Mensch in seinem Gedächtnis nur solche Informationen behält, welche in sein Weltbild passen und diese auch noch mit Ungenauigkeit, Emotionen und Wünschen gespickt werden, entwickelt er eine völlig verzerrte Wahrheit. Diese ist oft wesentlich positiver und macht das Leben für uns erträglicher. Wir brauchen den Irrtum um das Leben zu genießen. Wussten Sie z.B., dass beim Lottospielen, die Wahrscheinlichkeit am Tag vor der Auslosung zu sterben 1835-mal höher ist, als die, den Jackpot zu knacken?

4. In Grenzen denken – „Anker und Rahmenheuristik“

Ein weiterer Grund für die Fehler des Menschen ist die Tatsache, dass er in Grenzen denkt. Jürgen Schäfer beschreibt das in seinem Artikel als „die Welt der mittleren Dimensionen“: Jahre, Kilogramm und Zentimeter können wir noch gut abschätzen – geht es aber um Lichtjahre, Billionenbeträge oder Nanometer, versagt das menschliche Vorstellungsvermögen und wir können – wie z.B. bei dem Eurorettungsschirm – die Zahlen nicht mehr greifen und verarbeiten. Das führt dazu dass wir Fehler machen und Fehlentscheidungen treffen.

Vergleicht man den Menschen mit einem Computer wird das Ganze noch deutlicher. Ein Computer kann mithilfe von Algorithmen nahezu fehlerfrei arbeiten und alle Informationen integrieren. Das menschliche Gehirn würde dafür jedoch viel zu lange brauchen und deshalb arbeitet es mit Heuristiken. Heuristiken – also die Auswahl relevanter Informationen und möglicher Szenarien – lassen uns schneller und effizienter aber auch schlampiger werden. Geschieht etwas außerhalb unseres Sichtbereiches kriegen wir es nicht mehr mit, wodurch sich unsere Wahrnehmung verschiebt. Ein Beispiel aus dem Artikel:

Der Verhaltensökonom Dan Ariely veranstaltete einmal eine Auktion, bei der Studenten auf einem Blatt Papier zuerst die letzten beiden Ziffern ihrer Sozialversicherungsnummer aufschreiben und dann darunter ihre Gebote abgeben sollten. Auch wenn alle meinte, dass die Sozialversicherungsnummer nichts mit der Höhe der Gebote zu tun habe, gaben doch Studenten mit höherer Nummer höhere Gebote ab.

Ein weiteres Beispiel macht noch deutlicher, wie sehr der Mensch in Grenzen denkt: Kostet das teuerste Smartphone 800€ , kommt uns das Billigste für 500€ wie ein Schnäppchen vor.

5. Die Evolution

Ein wenig ist auch die Evolution Schuld an den Fehlern des Menschen: sie ist zu langsam. Während wir 4 Millionen Jahre lang als Jäger und Sammler die Welt bevölkerten, brauchte die moderne Wissenschaft nicht mal 400 Jahre um sich zu entwickeln. Das menschliche Gehirn ist einfach noch nicht dafür ausgelegt die Schritte der modernen Technologie – welche so abstrakt und komplex geworden ist – bis ins kleinste Detail nachzuvollziehen.

Schäfer schreibt: Wie stark uns dieses Leben noch prägt, lässt sich auch daran erkennen, dass wir auch in modernen Großstadtmenschen eine Phobie gegen Spinnen und Schlangen erzeugen können, nicht aber gegen die viel gefährlicheren Autos“ (Zitat Ulrich Frey in „Fallstricke: Die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft)

Schaut man sich nun abschließend diese 5 Gründe – Selbstüberschätzung, Bestätigungsfehler, Rückschaufehler, in Grenzen denken und die Evolution – noch einmal an, dann fällt auf, dass sie biologischer Natur sind.

Wie also können wir sagen, dass wir aus Fehlern lernen, wenn wir die Gründe aus denen wir die Fehler machen weder lösen, noch kontrollieren, noch vermeiden  können?

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5 Kommentare zu “Lernen wir aus Fehlern?

  1. Hallo Franzi,
    Ich denke schon dass Menschen aus Fehlern lernen. Auch wenn diese Fehler unvermeidlich sind weil unser Gehirn nur begrenzt aufnahmefähig ist – manche davon sind so prägend dass man sie nicht wiederholt. Du schreibst ja von Heuristik, von der Auswahl relevanter Informationen. Habe ich einmal einen Fehler gemacht der zu größeren Unannehmlichkeiten geführt hat wird dies mit Sicherheit zu einer relevanten Information. Ich kann das gerade sehr gut an mir beobachten: Ich habe gerade einen neuen Job angefangen. Gerade am Anfang möchte man ja alles besonders gut machen und möglichst nichts falsch. Leider lässt sich dass aber nicht vermeiden denn schließlich bin ich mit den Prozessen ja noch gar nicht vertraut. Weil es mir aber so wichtig ist, einen guten Eindruck zu machen, ist es mir besonders unangenehm wenn mich ein Kollege korrigieren muss und der gleiche Fehler unterläuft mir mit Sicherheit nicht noch einmal. Ich denke in dieser Situation waren die meisten von uns schon einmal.
    Aus Fehlern Anderer lerne ich meiner Meinung nach wesentlich weniger. Ich muss das eher „am eigenen Leib erfahren“. Trotzdem kommt es manchmal vor, dass mir in bestimmten Situationen z.B. Erzählungen von Freunden einfallen und mir dadurch etwas erspart bleibt.
    Meiner Meinung nach gilt bei beiden Dingen: Je persönlich wichtiger die Situation mit der der Fehler im Zusammenhang steht desto einprägender der Fehler bzw. desto höher der Lerneffekt.
    LG,
    Jana

  2. Hallo Jana,
    danke für deinen Beitrag.
    Du hast Recht, dass jeder so für sich lernt, aber geben wir das weiter? Fließt das in die Entwicklung der Menschheit ein? Nehmen wir zuerst dein Beispiel: Du lernst aus deinem Fehler auf Arbeit und machst ihn nicht nochmal. Aber werde ich dann nach dir eingestellt, kann es passieren, dass ich den Fehler auch mache. Und manchmal werden Systeme entwickelt, ausgefeilt, und so lange fortgeführt und weitergegeben bis der Benutzer gar nicht mehr weiß, welchen Fehlern es vorbeugen soll. Läuft er dann nicht in Gefahr das System abzuschaffen (weil es zu teuer ist z.B.) und den gleichen Fehler wieder zu machen? Hat er daraus gelernt?

    Ein anderes Beispiel: “Der Klügere gibt nach” Wie oft haben wir Streitigkeiten, Eifersucht, oder andere menschliche Auseinandersetzungen auf uns genommen obwohl wir wussten das die Diskussion zu nichts führt. Haben wir nicht gelernt? Oder etwas krasser: Kriege! Haben wir nicht gelernt, dass Kriege nur Elend hervorbringen?

    Kann man es als Lernen bezeichnen wenn überhaupt nur eine einzige Person daraus lernt?

  3. Hallo Leute,

    interessantes Thema. Im Prinzip gebe ich dem Artikel recht, jedoch würde ich noch gerne meine Gedanken zu Fehlentscheidungen mit euch Teilen.

    Unser Handeln ist meist durch eine Emotion bedingt welche uns erstmalig eine Entscheidung treffen lässt. Erfahren wir nach der Handlung ein negatives Gefühl oder Leid, stempeln wir die Handlung als Fehlentscheidung ab und gehen ihr das nächste mal aus dem Weg. Mein Argument ist also, dass wir in den meisten Fällen aus unseren Fehlern lernen und uns nicht ständig Leid zufügen, da wird tendenziell Leid aus dem Weg gehen. Greift unser Lernmechanismus nicht, lag es wohl an einem der beschriebenen Punkte.

    Liebe Grüße

    Max

  4. Hallo ihr Zwei,
    Was das Leid angeht stimme ich dir zu Max. Ich würde das so betrachten: Je mehr man von den Folgen des Fehlers direkt persönlich betroffen ist, desto eher wird man sich daran erinnern und ihn nicht selbst begehen.
    Franzi, natürlich ist es leider eine Tatsache, dass beispielsweise immernoch Kriege stattfinden obwohl sich schon so oft gezeigt hat wie schlecht das ist. Das sie denoch immer wieder stattfinden liegt meiner Meinung nach auch daran, dass die Menschen verschieden Perspektiven darauf haben. Nicht alle sehen diese als Fehler an. Hierbei gibt es unterschiedliche Interessen – auch wenn ich absolut gegen Krieg bin. Wenn es um Fehler beispielsweise bei der Arbeit geht kann es natürlich sein, dass sich diese Mechanismen so verselbstständigen dass sich irgendwann gar keiner mehr daran erinnert warum eine bestimmte Regel eingeführt wurde. Ich denke das ganze ist einfach ein Kreislauf: Möglicherweise wird die Regel dann abgeschafft. Vielleicht besteht auch gar nicht mehr so ein großes Potenzial, dass der gleiche Fehler noch einmal entsteht weil sich die Umstände geändert haben. Auf jeden Fall ist es richtig, dass Wissen nur begrenzt weitergeben wird und wir deswegen möglicherweise nicht aus allen Fehlern lernen – auch weil sie in Vergessenheit geraten.
    LG;
    Jana

  5. Hallo alle zusammen,

    Kompliment Franzi. Deine Artikel sind wie immer hochinteressant.

    Was das Lernen aus Fehlern angeht stimme ich Jana zu. Ich denke auch, dass je betroffener man ist von den begangenen Fehlern, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das einprägt und man entsprechend anders handelt in einer ähnlichen Situation. Das begründe ich mit der Annahme, dass Handeln der Menschen durch Emotionen bedingt ist, wie Max es oben beschrieben hat.

    Aber aus den Fehlern anderer lernen ist entsprechend schwieriger, da man nicht unbedingt persönlich davon betroffen ist. Deswegen wiederholen sich immer wieder Dinge, die sich als „falsch“ oder „schlecht“ erwiesen haben in der Vergangenheit. Ich denke auch wie Jana, dass jede es am eigenen Leib erfahren muss, um zu lernen.

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